Merkantilismus und Kameralismus: Der Staat als Unternehmer

Merkantilismus und Kameralismus: Der Staat als Unternehmer
 
Merkantilismus — Ein umstrittener Begriff
 
Die Wirtschaftspolitik und die wirtschaftswissenschaftlichen Lehren, die zentral die Epoche des Absolutismus, mithin das 17. und 18. Jahrhundert, bestimmten und aufgrund derer sich eine Volkswirtschaft herausbildete, die sich die ökonomischen Grundsätze der Lehre vom Betrieb zu eigen machte, werden im Allgemeinen unter dem Sammelnamen »Merkantilismus« gefasst. Damit ist kein Lehrgebäude bezeichnet, sondern vielmehr ein Bündel wirtschaftspolitischer Maßnahmen meist europäischer Staatsregierungen, das sowohl in zeitlicher als auch in inhaltlicher Hinsicht markante länder- und regionenspezifische Unterschiede aufweist. Während zum Beispiel die englische, französische, italienische und niederländische Ausprägung des Merkantilismus mehr auf den Handel gerichtet war, konzentrierten sich Länder mit überwiegend binnenstaatlicher Struktur wie die deutschen Staaten darauf, Gewerbe und Landwirtschaft zu fördern. Dabei hatte man primär die Wohlfahrt des absoluten Fürstenstaates beziehungsweise dessen Schatzkammer, die camera im Blick. Ausgangspunkt merkantilistischer Bestrebungen könnte Spanien gewesen sein, dessen Wirtschaftspolitik des 15. Jahrhunderts, die vorderhand die eigene Schifffahrt zu schützen suchte, Earl J. Hamilton als »Merkantilismus der Navigationsakte« bezeichnete. Wenngleich niederländische Wissenschaftler die Position vertreten, in ihrem Land habe es überhaupt keinen Merkantilismus gegeben, darf wohl festgehalten werden, dass sowohl die Diskussion um eine merkantilistische Wirtschaftspolitik als auch deren Umsetzung die am Atlantik gelegenen, national geeinten Staaten früher erreichte als die mitteleuropäischen Regionen. Als Kriterium, das es uns erlaubt, von Merkantilismus in einem sehr allgemeinen Sinne zu sprechen, lässt sich das veränderte Verhältnis zwischen Herrschaft und Wirtschaft benennen: Der erstarkende und der erstarkte Fürstenstaat war aktiv bestrebt, sich der Wirtschaft fiskalisch zu bedienen.
 
Der Begriff »Merkantilismus« ist keineswegs eindeutig definiert. Da die wirtschaftspolitischen Veränderungen in komplexen Wechselwirkungsverhältnissen mit grundlegenden gesellschaftlichen Umbrüchen seit dem 15. Jahrhundert stehen, sollen zunächst einige Aspekte dieses Wandels — zum Beispiel der Übergang von der mittelalterlichen Ordnung zum neuzeitlichen Staat oder Verschiebungen in den sozialen Eliten — betrachtet werden. Nähere Bestimmungen merkantilistischer Wirtschaftspolitik lassen sich teils hieraus ableiten, teils können sie vor diesem Hintergrund entwickelt werden.
 
 Neuzeitlicher Staat und soziale Mobilität
 
Die mittelalterliche ständische Feudalordnung kannte zwei wesentliche Richtpunkte: Gott bzw. die Kirche und den Kaiser, also den irdischen Herrscher des als Einheit gedachten, Universalität beanspruchenden christlich abendländischen Reiches. Die Genese des europäischen Staatensystems und die Entfaltung des fürstlichen Absolutismus bewirkten einschneidende Veränderungen. Es entwickelten sich zahlreiche Territorialstaaten mit eigener Verwaltung und Gesetzeshoheit, denen souveräne Herrscher vorstanden, die nur von Gottes Gnaden abhingen und nur diesem verantwortlich waren. Die Mittelpunkte dieser Fürstenstaaten bildeten der Hof mit seiner die souveräne Macht des Fürsten verherrlichenden Repräsentativfunktion sowie zentral und hierarchisch organisierte, dem absoluten Herrscher verantwortliche Behörden. Die Untertanen — und hierzu zählte auch der Adel — waren in ihrem funktionalen Verhältnis zu Hof und Herrscher definiert. Fügten sie sich nicht in die festen, hierarchischen Beziehungen ein, so wurden sie »außer Funktion« gesetzt. Während sich die Ständevertretungen in den Niederlanden, in England, in Polen und Schweden durchaus noch behaupten konnten, gelang es ihnen anderenorts nur selten, sich dem Druck des absoluten Souveräns zu entziehen; ihre Kompetenzen und damit ihre Einflussmöglichkeiten sowie ihre Macht wurden deutlich beschnitten. Selbst das Recht der Steuerbewilligung blieb ihnen in manchen Ländern verwehrt. Die Cortes, die spanische Ständeversammlung, war derart entmachtet, dass Philipp V. die Neuordnung des Finanz- und Steuerwesens schlicht dekretieren konnte. In Frankreich etwa, in einigen deutschen Territorien und in Dänemark schaffte man die Ständevertretungen sogar kurzerhand ab.
 
Möglichkeiten gesellschaftlichen Aufstiegs im absolutistischen Staat
 
Wie in jeder Gesellschaftsordnung gab es auch im fürstlichen Absolutismus spezifische Möglichkeiten des gesellschaftlichen Aufstiegs. Vorderhand hatte sich der Kriegsdienst bewährt, zügig die Karriereleiter zu erklimmen. Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen beschrieb im »Simplicissimus« das Bestreben, General zu werden, als zeittypische Karriereplanung. Der Dreißigjährige Krieg ist reich an Personen, die auf diesem Weg zu Macht und Ansehen gelangten und später nobilitiert, das heißt in den Adelsstand erhoben wurden, so der bayerische General Johann von Werth und der brandenburgische Generalfeldmarschall Georg von Derfflinger. Andere findige Karrieristen begaben sich in Hofesnähe, denn Höflinge, Kammerdiener oder sonstige Mitarbeiter im unmittelbaren Umfeld des Fürsten durften auf dessen besondere Gunst hoffen. Vor allem galt dies für die bürgerlichen Funktionsträger in den Zentralbehörden, die Juristen, Hof-, Kanzlei- sowie Kammerräte und Geheimen Räte oder den Hofkanzler, die ihre Tätigkeit in Erwartung alsbaldiger Nobilitierung verrichteten. Zum höheren Hofdienst indes wurden im Allgemeinen nur Adlige zugelassen. Daneben gab es aber auch in der engsten Umgebung des Fürsten nichtadlige Chargen, die gleichwohl das intimste Vertrauen desselben genossen und regelmäßig Aufgaben übertragen bekamen, die Verschwiegenheit verlangten. Zu diesen gehörte der Kammerdiener, der oft in fürstlichem Namen delikate wirtschaftliche oder diplomatische Missionen ausführte.
 
Neben Militär und Bürokratie bot die wirtschaftliche Betätigung besonders gute Möglichkeiten sozialen Aufstiegs. Diese Möglichkeiten gründeten insbesondere im Durchbruch der frühkapitalistischen Geldwirtschaft im Gefolge der kommerziellen Revolution, das heißt des Handelsaufschwunges vom 11. bis zum 13. Jahrhundert. Damit ging die Bildung von Reichtum und Vermögen und die Entfaltung eines entsprechend repräsentativen Lebensstils einher, der selbstverständlich auch einen angemessenen Platz in der ständischen Rangskala erforderte. Der Bürger der mittelalterlichen Stadtrepublik sah sich mehr und mehr als dem Adligen gleichgestellt. Im Besonderen galt dies für das herrschende Patriziat, dem auch vielerorts — zum Beispiel in Genua und Venedig, in Nürnberg und Lübeck — Mittel und Wege einfielen, sich gegen Emporkömmlinge mehr oder weniger abzuschließen. Diejenigen, die, obgleich zu Reichtum gelangt, den Aufstieg in die herrschende Schicht nicht schafften, bildeten einen eigenen Stand und versuchten, diesem ein Höchstmaß an Glanz zu verleihen. So traten zum Beispiel die Ehrbaren von Nürnberg mit hohem Aufwand und mäzenatischer Haltung selbstbewusst in Erscheinung. Nicht selten bedienten sie sich zum Verdruss der Herrschenden der ideologischen Hilfestellung führender Geistespersönlichkeiten ihrer Zeit, wodurch sie die existierenden Standesunterschiede nach außen hin ziemlich abmildern konnten. In Florenz wurden diese Art Aufsteiger zu den Wegbereitern einer glänzenden Renaissancekultur, die ein neues Ideal des Stadtbürgers in Italien verkörperten.
 
Gleichwohl gab es auch im Kreise der weder dem Patriziat noch dem Adel angehörenden Neureichen solche, die dem Ideal adliger Lebenshaltung huldigten und diesem nacheiferten, indem sie sich auf dem Land Schlösser bauten, ritterbürtig lebten und versuchten, ihre Nobilitierung zu erlangen. Hierzu zählte kein Geringerer als der Augsburger Jakob Fugger, der den Beinamen »der Reiche« erhielt. Er entstammte einem bäuerlichen Geschlecht, das drei Generationen vor ihm vom Lechfeld zugezogen war und im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert begann, Handel und Finanz der damaligen Zeit zu beherrschen. Fuggers Erhebung in den Grafenstand ergab sich nicht zuletzt daraus, dass ihm der hoch verschuldete Kaiser Maximilian I. in Ermangelung monetärer Liquidität einen Titel und etliche Privilegien verlieh.
 
 Adelsideale im Wandel
 
Hatte das mittelalterliche Adelsideal durch enorme Herausforderungen — zum Beispiel die Kreuzzüge oder die Reconquista, das heißt die Rückeroberung der von den Mauren ab 711 besetzten Iberischen Halbinsel — Festigung und Bestätigung erfahren, so bildeten sich mit der Reformation neue Ideale heraus, die vorderhand nach protestantischen und katholischen Gebieten unterschieden werden können. Unter dem Einfluss der Renaissance entstand das Leitbild des cortigiano, des gebildeten, am Hof lebenden, dem Fürsten dienenden Herrn, das sich vor allem in Spanien und Frankreich besondere Geltung verschaffen konnte. Dieses Ideal korrespondierte damit, dass zum Beispiel spanische Adlige nach wie vor handwerkliche und agrarische Betätigung höchst gering schätzten. Dagegen hielten die protestantischen Regionen adlige Lebenshaltung und unternehmerische Betätigung in Landwirtschaft und Gewerbe durchaus für vereinbar, ja wünschenswert. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass sich in der frühen Neuzeit protestantisches Berufsethos, vor allem in der calvinistischen Ausprägung, und althergebrachte Auffassungen, nach denen der Adlige für Handel und Wandel keinen Finger rühren dürfe, gegenüberstanden. Darüber hinausgehende länderspezifische Unterscheidungen sind indes angebracht und höchst aufschlussreich.
 
Katholische Länder
 
Im sehr konservativen Spanien schrieb man das Verbot handwerklicher oder kaufmännischer Betätigung in den Verordnungen der Ritterorden, den ordenamientos, förmlich fest. Ausnahmen gab es vor allem in Andalusien und den Küstenstreifen des Nordens. In Cádiz etwa sind durchaus Adlige bekannt, die an Handelsgeschäften teilnahmen, doch waren sie oft genuesischer Herkunft. Auch in der mesta, einem Verband adliger Schafherdenbesitzer, und in städtischen Ämtern gingen Adlige wirtschaftlichen Tätigkeiten nach. Doch erst in bourbonischer Zeit, also im 18. Jahrhundert, investierte der Adel in größerem Maßstab sein Kapital in Überseehandelsgesellschaften, Kanalbauten und agrarische Fördermaßnahmen. Es ist anzunehmen, dass der einheimische Adel zu dieser Zeit Positionen einnahm, die zuvor, insbesondere im 16. Jahrhundert, von ausländischen Investoren ausgefüllt worden waren, die sich aus der Teilnahme am Überseegeschäft mit Südamerika Gewinne erhofften und die sich mit dem Rückgang der Gold- und Silberlieferungen aus Übersee von der Iberischen Halbinsel langsam zurückzogen.
 
Mit der spanischen Situation konnte noch am ehesten die portugiesische verglichen werden, obgleich die Konventionen der dortigen Adligen, der fidalgos, weniger streng waren, und insbesondere die lange Küste zu unternehmerischer und investiver Betätigung auf See förmlich einlud. Zudem fehlte es dem Infanten Heinrich, der, obgleich er nie eine längere Seereise unternommen hatte, im 15. Jahrhundert den Grund für Portugals Entwicklung zur Kolonialmacht legte und den Beinamen »der Seefahrer« erhielt, nicht an Unternehmersinn. Tüchtigen Überseekaufleuten stellte er foros de fidalgo, also Titel und Renten, in Aussicht. Beteiligungen am Handel mit den portugiesischen Besitzungen etwa in Indien und Brasilien brachten in der Regel auch ein höheres soziales Prestige mit sich. Oft versuchte man dadurch, nationale Positionen zu behaupten und dem Übergewicht der Engländer oder Niederländer im Überseehandel entgegenzuwirken. Diese Motivation gründete in der merkantilistischen Vorstellung, die Schätze der Welt seien begrenzt und somit ein Zuwachs der einen nur auf Kosten einer anderen Nation möglich; eine Annahme, die nicht selten die Handelskriege des 16. und 17. Jahrhunderts argumentativ stützen half.
 
Die italienischen adligen Konventionen unterschieden sich erheblich von den spanischen. So beteiligten sich etwa die Adligen Genuas traditionell sehr rege an internationalen Handels- und Finanzgeschäften, insbesondere auch auf der Iberischen Halbinsel. Ohne genuesische Hilfe wäre manche spanische Handelsflotte mit Sicherheit nicht in See gegangen. Führende Adelsfamilien genuesischer Herkunft unterstützten die Nachfolger des Kolumbus bei ihren Handels- und Eroberungsexpeditionen in der Neuen Welt und erhielten dafür teilweise sogar spanische Adelstitel, wie etwa Niccolò Grimaldi, der zum Fürsten von Salerno erhoben wurde. Auch in Venedig beteiligte sich der Adel, die nobili, stark an den zahlreichen geschäftlichen Unternehmungen. Um 1600 hielten sich die Geschäftsaktivitäten der nobili und der Bürger, der cittadini, ziemlich genau die Waage, und erst im späteren 17. und im 18. Jahrhundert, in der Phase des relativen Niedergangs der Lagunenstadt, zogen sich die Adligen mehr und mehr aus dem Geschäft zurück. Davon zu unterscheiden sind die Gegebenheiten in der Toskana, in Savoyen oder in der Lombardei. In Livorno etwa, das zum Freihafen erklärt wurde, räumte man Fremden, insbesondere Juden, großzügige Rechte ein, beschäftigte Sklaven aus der Türkei, Ägypten, Nordafrika und dem Balkan und förderte so die Wirtschaft. In der Lombardei genehmigte Kaiser Karl VI. 1713 ausdrücklich die Betätigung des Adels im gewerblichen Bereich.
 
In Frankreich sind frühe Bestrebungen zu beobachten, der sozialen Mobilität aufgrund wirtschaftlicher Erwägungen neue Impulse zu verleihen. Barthélemy de Laffemas, der zur Zeit König Heinrichs IV. wirkte, zielte auf die Bildung einer eigenen classe industrielle, die sich vor allem aus Mitgliedern des Adels zusammensetzen sollte. Wenngleich auch später führende Merkantilisten wie etwa Jean-Baptiste Colbert den Ämterkauf aufs Schärfste missbilligten, da sie der Auffassung waren, er entziehe Handel und Gewerbe die besten Kräfte, setzten sich namentlich unter Ludwig XIV., dem »Sonnenkönig«, zunehmend Elemente der Korruption, insbesondere der Ämterkauf, als übliche Gepflogenheit bei Hofe durch. Der enorme Geldbedarf des Königs öffnete trickreichen Finanzleuten, die Adelstitel anboten, Tür und Tor, wobei insbesondere Bankiers und Steuerpächter von der Chance Gebrauch machten, etwa den Titel eines secrétaire du roi, eines königlichen Sekretärs, zu erwerben.
 
Reformierte Länder
 
In England hatte sich der Adel in wirtschaftlicher Hinsicht weit weniger abgeschlossen als in Frankreich und Spanien. Vor allem der niedere Adel, die gentry, aber auch die Mitglieder des Hochadels, die peers, scheuten nicht die Betätigung im Agrarsektor, in Handel und Gewerbe. Umgekehrt konnte auch jeder Nichtadlige Land erwerben. Bemerkenswert am englischen Beispiel ist auch, dass sich nicht wie in den Niederlanden und in Deutschland ein städtisches Patriziat herausbildete, da die Vermögen nicht in der Stadt, sondern in ausgedehnten Landbesitz investiert wurden.
 
Außerordentlich günstige Voraussetzungen für gewerbliche und kaufmännische Betätigung, allerdings unter nichtmerkantilistischen Vorzeichen, boten die nördlichen Niederlande, wo der Beruf des Kaufmanns im europäischen Vergleich die höchste Wertschätzung genoss. Die Tatsache, dass dort Handelsbeschränkungen verpönt waren, der Fürstenstaat — wie etwa in Deutschland — nicht existierte und eine liberale Wirtschaftsauffassung vorherrschte, erlaubt es, die Wirtschaftspolitik dieses Landes als nicht merkantilistisch zu beschreiben.
 
Deutsche Länder
 
Im deutschsprachigen Raum gab es nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges einige Hundert Klein- und Kleinstterritorien. Nicht zuletzt die daraus folgende Vielgestaltigkeit bedingte, dass sich am deutschen Beispiel am besten zeigen lässt, wie sich die ständische Mobilität in der Zeit des Merkantilismus in Abhängigkeit vom jeweils sozialen und kulturellen Umfeld entwickelte. Dabei empfiehlt es sich, zwischen Residenzstädten — also Städten mit einem fürstlichen Hof —, Stadtrepubliken — mithin Städten ohne fürstlichen Hof — sowie ländlich geprägten Gebieten zu unterscheiden.
 
In den Stadtrepubliken behauptete sich eine eigene städtische Aristokratie, die sich — ähnlich den Adligen in den Residenzen — abschloss und die soziale Mobilität einzuschränken versuchte. Darüber hinaus hemmten zünftige Bindungen häufig die wirtschaftliche Entwicklung. Hiervon zu unterscheiden sind die Neugründungen der Fürsten, die oft das Ergebnis ihrer Peuplierungspolitik, das heißt einer auf Wachstum der Bevölkerung ausgerichteten Politik, darstellten. In ihrem Bestreben, vor allem qualifizierte Kräfte anzusiedeln, zeichneten sich die Fürsten durch eine bemerkenswerte Toleranz aus: So wurde zum Beispiel in Erlangen, Frankenthal, Mannheim und Krefeld Fremden und Andersgläubigen häufig das Bürgerrecht gewährt und weitgehende Freizügigkeit zugestanden.
 
Auf dem flachen Land gab es eine eigene, bäuerliche Hierarchie, die im Laufe der Zeit aufgelockert wurde. Im Norden begannen Teile bäuerlicher Schichten, sich als Seefahrer und Reeder zu betätigen, im Binnenland trat neben die bäuerliche vielerorts die verlegerische Tätigkeit, etwa im Textilgewerbe.
 
Der Verlag stellte eine der in der Zeit des Merkantilismus noch üblichen Formen des Wirtschaftens dar, eine andere war die Manufaktur. Unter Verlag versteht man eine unternehmerische Organisationsform, die durch dezentralisierte Produktion und zentralisierten Absatz gekennzeichnet ist. Der Verleger vergab Arbeit an die Meister und Arbeiter in den dem Zentrum nahe gelegenen Orten und sorgte für die Lagerung und Abholung der Ware ebenso wie für deren Verkauf. Die Manufaktur ermöglichte zentralisierte Produktion, im Unterschied zur Fabrik überwog jedoch noch die Handarbeit; sie war weit weniger arbeitsteilig organisiert und mit weit weniger Sachkapital ausgestattet als die Produktion in der Fabrik.
 
 Staatsgewalt und Wirtschaftspolitik
 
Der Merkantilismus
 
Wir hatten bereits festgestellt, dass die Wirtschaftslehren der Zeit von einer absoluten Begrenzung gesellschaftlichen Reichtums ausgingen, dessen relative Umverteilung dementsprechend einen Teil der Staaten zugunsten anderer schädigen musste. So glaubte Voltaire 1764 festhalten zu können: »Es liegt auf der Hand, dass ein Land nicht gewinnen kann, ohne dass ein anderes verliert.« Die Tatsache, dass der Merkantilismus den Aufstieg des auf seinen eigenen Vorteil bedachten, modernen Staates begleitete, lässt einige Historiker, zum Beispiel Daniel Villey, behaupten, die Merkantilisten hätten die Nation erfunden. Mit ähnlicher Überzeugungskraft könnte man jedoch die Gegenthese aufstellen, die im Entstehen begriffene Nation habe sich den Merkantilismus als Wirtschaftsform geschaffen, denn schließlich wurden merkantilistische Grundgedanken gleichsam als eine Art Heilslehre, als Staatsreligion verkündet. Im Ergebnis lässt sich jedenfalls feststellen, dass Merkantilismus und aufkommender Nationalismus sich gegenseitig befruchteten. Die Wirtschaftslehre stellte Instrumentarien zur Verfügung, die wesentlich dazu beitrugen, die nationalen Grenzen zu verteidigen. Anfänge merkantilistischer Politik reichen bis ins Spätmittelalter zurück. So wurden zum Beispiel in Kastilien im 14. Jahrhundert mindestens sechs Weizen- und Viehexportverbote erlassen; Philipp der Schöne von Frankreich verbot 1305 und 1307 die Ausfuhr von Getreide. In Aragonien war im 13. Jahrhundert die Schifffahrt nur auf aragonesischen Schiffen erlaubt. In England wurde 1355 ein Importverbot für ausländisches Eisen verhängt; Ausländern war es untersagt, Gold und Silber außer Landes zu schaffen und vorgeschrieben, Gewinne in englische Waren umzusetzen.
 
Von der Vorstellung ausgehend, der Reichtum des Staates entspreche der von ihm angehäuften Edelmetallmenge, wurde das Instrumentarium, mit dem man in den Besitz eines möglichst großen Anteils der Edelmetalle zu gelangen hoffte, im 17. und 18. Jahrhundert verfeinert. Die Forderungen, Rohstoffe im eigenen Land zu verarbeiten sowie Fertigwaren auszuführen, zählten ebenso dazu wie Einfuhrbeschränkungen durch Schutzzölle. Dem entspricht, dass Heinrich IV. von Frankreich 1603 im Ausbau von Manufakturen das einzige Mittel sah, Gold und Silber im Königreich zu halten, um dadurch zu verhindern, dass die Nachbarn reicher wurden. Werner Sombart brachte dies auf die einfache Formel: »Soviel Silber (später Gold), soviel Staat.« Daraus folgerte er: »... o h n e eine so ergiebige Edelmetallproduktion, wie sie seit der Entdeckung Amerikas sich einstellte, wäre auch der moderne Fürstenstaat nicht zu solch rascher und allgemeiner Entwicklung gelangt.« Zeitgenössische Aussagen bestätigen seine Einschätzung. Nach Colbert bemaßen sich Größe und Macht eines Staates allein nach seinem Geldbesitz. Don Hernando de Carrillo erinnerte 1616 Philipp III. daran, dass sich »alles nur mit Geld in Gang halten lässt. .. und dass die Macht Eurer Majestät wesentlicherweise im Geld besteht; geht es eines Tages aus, ist der Krieg verloren.« Machtausübung bedeutete also Krieg, Krieg benötigte Geld, und zwar Metallgeld auf der Basis von Edelmetall. Papiergeld blieb den Steuerpächtern, Bankiers und Großkaufleuten vorbehalten. Keine Artillerie wäre mit Papier von der Stelle zu bewegen gewesen, und kein Matrose hätte ein Schiff gegen Papiergeld bestiegen. Sold und andere Heeresausgaben waren in Gold, notfalls in Silber auszuzahlen. Wurde die Heuer ausnahmsweise doch in Papiergeld ausbezahlt, wie zum Beispiel bei der Royal Navy im 18. Jahrhundert, so nur, wenn der Umtausch des ungeliebten Papiers in Metallgeld gewährleistet war. Der Wechsler Thomas Guy zog im Londoner Vorort Rotherhithe von einer Matrosenkneipe zur anderen und kaufte das Papiergeld der Matrosen mit entsprechendem Disagio, also einem Abschlag auf den Nennwert. Guy stieg zu einem der reichsten Männer Londons auf.
 
Der moderne Staat — Wegbereiter des Kapitalismus?
 
Ebenso wie die Forschung das Verhältnis zwischen Merkantilismus und Nationenbildung untersuchte, widmete sie sich dem Verhältnis zwischen merkantilistischer Wirtschaftsform und Staat. Zwei grundsätzlich verschiedene Auffassungen sind hier zu unterscheiden: Werner Sombart führt die Entstehung des Kapitalismus eindeutig auf die Staatsgewalt zurück; dagegen argumentiert zum Beispiel Fernand Braudel genau umgekehrt. Der Aktionsrahmen des Staates sei viel zu eng, um die Gesellschaft insgesamt zu erfassen. Zwar bediene sich der Staat durchaus kultureller Prägungen, übe mithilfe eines bürokratischen Apparates Macht aus, funktionalisiere den Adel und das Unternehmertum beziehungsweise die Wirtschaft zur Verwirklichung seiner fiskalischen Interessen, doch würden die sozialen Eliten zweifelsfrei auch den Staat benutzen. Patriziat und Bürgertum verfügten in der merkantilistischen Zeit beispielsweise über das Handelsmonopol. In Spanien und Frankreich war es dem Handelsstand leicht möglich, sich einen Teil des Staates zu kaufen. Diese Ämterkäuflichkeit führte zu einer Art Feudalisierung von Teilen des Bürgertums. Einige Herrscher, etwa Ludwig XIV. von Frankreich, verbesserten die Staatsfinanzen und damit die Möglichkeiten staatlicher Machtentfaltung und -ausübung, indem sie durch die Besteuerung der Ämter einen Teil der bürgerlichen Vermögen abschöpften. Im Allgemeinen zersetzte jedoch die Ämterkäuflichkeit die Staatsmacht und trug zu deren Niedergang bei.
 
Es ist also ganz offensichtlich, dass es dem Staat nicht gelang, sich alles und alle zu unterwerfen. Ob er die Herausbildung des »Kapitalismus« eher förderte oder hemmte, hing wesentlich davon ab, ob er der Wirtschaft ihren freien Lauf ließ oder nicht. Statt nach der Deckungsgleichheit der Interessen von Staat und Volkswirtschaft zu fragen, sollte man besser eine völlig andere Sichtweise wählen und fragen, inwieweit die Volkswirtschaft und damit der »Kapitalismus« sich des Staates zur Durchsetzung ihrer Interessen bemächtigten. Die Kaufleute betreiben von jeher das internationale Geschäft, sprengen also vehement und dauerhaft den Rahmen einer staatlichen Marktwirtschaft. Der »Kapitalismus« legt sich, um mit Fernand Braudel zu sprechen, Siebenmeilenstiefel an und bewegt sich mit völliger Selbstverständlichkeit im chinesischen Macao ebenso wie im indischen Goa und in London. Das kapitalistische System durchdringt sämtliche politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Hierarchien und erlangt gleichsam eine Monopolstellung in der Welt. Aus eigener Erfahrung wissen wir, in welchem Maße heute Politik von ökonomischen Interessen geleitet und staatliches Handeln von Lobbyisten gesteuert wird.
 
 Voraussetzungen der Industrialisierung
 
Die Niederlande waren bereits um 1600 ein verhältnismäßig fortschrittliches Agrarland mit früher Fruchtwechselwirtschaft und hohen Ernteerträgen. In England wurde im späten 17. Jahrhundert die Grundherrschaft abgelöst, und die Verfügungsmöglichkeiten über Grund und Boden — besonders das Pachtwesen — wurden liberalisiert. Beides wirkte sich positiv auf die demographische Entwicklung aus. Nach 1648 begleiteten zunächst sinkende Agrarpreise in West- und Mitteleuropa das beschleunigte Bevölkerungswachstum, bevor nach 1790 europaweit für ein Vierteljahrhundert ein Agraraufschwung einsetzte, der zwar den Bauern aufgrund steigender Getreidepreise höhere Einkommen bescherte, zugleich aber die Reallöhne drückte. Wenngleich die Veränderungen in der Landwirtschaft sich von Land zu Land erheblich unterschieden — beispielsweise hinsichtlich der rechtlichen Grundlagen und des zeitlichen Schwerpunktes sowie der chronologischen Abfolgen —, erlauben uns doch einige grundsätzliche Neuerungen, so zum Beispiel die Fruchtwechselwirtschaft, Winterstallfütterung, Düngung, systematische Viehzucht und die Ausweitung des Futteranbaus, in einem sehr allgemeinen Sinne von der Agrarrevolution zu sprechen, die meist der industriellen Revolution vorausging.
 
Die zunehmende Einbindung überseeischer Kolonialgebiete in die spätmerkantilistischen europäischen Märkte ermöglichte es, auf Produkte aus den Kolonialreichen zurückzugreifen: Europa führte Massenprodukte wie Rohrzucker und Baumwolle, Luxusprodukte wie Tabak, Kakao, Kaffee, Tee und Farb- stoffe ein. Hinzu kamen gewerbewichtige Rohprodukte wie Rindshäute für die Lederverarbeitung oder Holz für Bergbau, Verhüttung, Küferei und den Schiffsbau.
 
Wichtige Entwicklungen gingen vom Bergbau aus. Zum einen erforderte er hohe Investitionen und deshalb neue Wege der Kapitalbeschaffung. Bereits im Mittelalter wurde mit dem Kux, das heißt dem sich auf eine Quote am Gesamtvermögen beziehenden Gesellschaftsanteil an einer bergrechtlichen Gewerkschaft, eine Rechtsform ausgebildet, die es auch Kleinanlegern ermöglichte, Anteile zu zeichnen. Zum anderen bildete sich in der Montanwirtschaft früh eine große Arbeiterschaft an einem Ort, woraus sich besondere Anforderungen in institutioneller und rechtlicher Hinsicht ergaben. Das in den Bergordnungen verankerte gewerbliche Arbeitsrecht enthielt Bestimmungen zu Arbeitszeit sowie Arbeitsschutz und diente häufig als Vorbild für rechtliche Regelungen in anderen Gewerbebereichen. Mit der Ausweitung des Produktangebots im Metall verarbeitenden Handwerk, dem Kunsthandwerk und Gewerbe nahm die Zufuhr von Kupfer, Silber, Gold, Blei und Eisen aus dem In- und Ausland an Bedeutung zu. Während der Kupfer- und Silberbergbau sich stark auf Tirol, Sachsen, die Slowakei und Böhmen konzentrierte, Silber darüber hinaus auch aus Südamerika bezogen wurde, zehrten die Gold verarbeitenden Gewerbe seit Ausgang des 17. Jahrhunderts vor allem von neu entdeckten brasilianischen Vorkommen. Die Notwendigkeit, im Bergbau immer tiefere Schichten zu erschließen und von Wasser zu befreien, erforderte neue Techniken. Hier gingen wichtige Neuerungen von England aus, zum Beispiel die 1712 erstmals eingesetzte atmosphärische Dampfmaschine zur Entwässerung der Schächte mit Pumpen. Von nun an revolutionierte die Dampftechnik die weitere industrielle Entwicklung.
 
 Grundzüge merkantilistischer Wirtschaftspolitik
 
Unterbeschäftigte Wirtschaft und Geldwirtschaft
 
Die Wirtschaftslehren des Merkantilismus gingen von einer unterbeschäftigten Wirtschaft aus. Zwar finden wir zum Beispiel in England etwa in der Textilindustrie bereits in den 40er-Jahren des 16. Jahrhunderts und in den 20er-Jahren des 17. Jahrhunderts konjunkturelle Arbeitslosigkeit, mithin eine Form von Arbeitslosigkeit im modernen Sinne, vor. Nichtsdestoweniger sind die wesentlichen Gründe der Unterbeschäftigung in dieser Zeit damit nicht erfasst. Klima sowie Lage beeinflussten im vorindustriellen Europa in erheblichem Maße Landwirtschaft, Handel und Gewerbe. So konnte beispielsweise die Wasserkraft nicht mehr genutzt werden, wenn Bäche winters zufroren oder sommers austrockneten. In einer Zeit, in der es wenige künstliche Lichtquellen gab, deren Betrieb darüber hinaus teuer war, diktierte das Tageslicht die Länge des Arbeitstages. Unterbeschäftigung in diesem Sinne zielt mithin vorderhand auf den geringen Auslastungsgrad der Ökonomie, der sich daraus ergab, dass die vorhandene menschliche Arbeitskraft in wesentlich geringerem Umfange tatsächlich genutzt wurde, als es grundsätzlich bei höherer Produktivkraftentwicklung möglich gewesen wäre. Die Unterbeschäftigung vergrößerte sich erheblich, wenn aufgrund von Kriegen die Produktion brachlag. Der Aspekt der Unterbeschäftigung ist sehr wesentlich, da sich zum Beispiel Nachfragesteigerungen auf die Preise bei unterbeschäftigter und vollbeschäftigter Wirtschaft durchaus unterschiedlich auswirken. Die Produktionsfaktoren, nämlich Arbeit, Kapital und Boden, können bei unterbeschäftigter Wirtschaft stets ohne gegenseitige Preisüberbietung in den Wirtschaftsprozess eingegliedert werden. Wenngleich dem Kapital im vorindustriellen Prozess wesentlich geringere Bedeutung zukam als in einer modernen industrialisierten Volkswirtschaft, darf man diesen Faktor nicht unterschätzen, da es bereits zu dieser Zeit Gewerbebereiche gab, die umfangreiche Investitionen erforderten. So verlangten zum Beispiel die Einführung und der Betrieb von Fördereinrichtungen im Bergbau erheblichen Kapitaleinsatz, und es bedurfte nicht geringer Kapitalmengen, um Schmelzöfen für die Eisen- und Stahlproduktion aufzustellen. Des Weiteren verschlang der Überseehandel in enormem Umfang Kapital, mussten doch Fuhrwerke, Schiffe, Verkaufskontore, Lagerhallen und dergleichen finanziert werden. Darüber hinaus wirkte sich in einer Situation der Unterbeschäftigung auch die Vermehrung der Geldmenge ganz anders auf die Preise aus als in Zeiten der Vollbeschäftigung: Die Geldmengenexpansion ebenso wie die Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes führten nicht unmittelbar zu inflationären Entwicklungen.
 
Die frühen Merkantilisten maßen dem Edelmetall- und Bargeldbesitz allgemein große Bedeutung bei. Diese Wertschätzung gründete nicht zuletzt darin, dass sich die wirtschaftliche Macht eines Staates in Zeiten, in denen Metallgeld den Geldverkehr beherrschte, unmittelbar in der ihm zur Verfügung stehenden Edelmetallmenge ausdrückte. Umgekehrt lässt sich wohl sagen, dass das Interesse des Staates und der Wirtschaft an Edelmetall zur Ausmünzung in dem Maße an Bedeutung verlor, in dem man zu fortschrittlicheren Formen des Geldverkehrs überging, das heißt zu Banknoten und Giroverkehr, zu Schecks oder Wechseln. Dieser Prozess begann in der frühen Neuzeit und erreichte seinen Abschluss, nach Ländern differenziert, zu verschiedenen Zeiten. Zusätzlich muss innerhalb eines Landes noch der Bereich des internationen Zahlungsverkehrs und der des alltäglichen Geldverkehrs unterschieden werden. Im Länder übergreifenden internationalen Verkehr kann man die allgemeine, flächendeckende Etablierung fortschrittlicher Formen des Geldverkehrs in das späte 17. und in das 18. Jahrhundert datieren. Fragen wir nach dem Anteil des Metallgeldes — oder umgekehrt des Papiergeldes — am gesamten Geldvolumen im 17. und 18. Jahrhundert, beziehen wir also wesentlich die Ebene des alltäglichen Geldverkehrs mit ein, so ergibt sich, nach Ländern unterschieden, ein anderes Bild. Für Deutschland wird man davon ausgehen können, dass das Papiergeld im 17. Jahrhundert überhaupt keine und im 18. Jahrhundert fast keine Rolle spielte. Der Papiergeldumlauf soll im ausgehenden 18. Jahrhundert in Preußen etwa ein bis zwei Prozent des Münzgeldumlaufes betragen haben, wenn man die banknotenähnlichen Papiere, die zu Kriegszeiten da und dort herausgegeben und danach wieder eingestampft wurden, unberücksichtigt lässt. Die Kaufleute verwendeten weiter den Wechsel, in welchem Umfang wissen wir nicht genau. Im alltäglichen Kleinhandel tauchte kein Papiergeld auf, wenn man von den französischen Assignaten nach 1789 einmal absieht.
 
Territorien, die keinen Bergbau und kein eigenes Edelmetall besaßen, aber ihre Münzprägeanstalt versorgen wollten, kauften das Edelmetall auf dem Markt oder beauftragten Geldfachleute mit dessen Beschaffung. Preußen beispielsweise besaß keine eigenen nennenswerten Silber- und Goldgruben und war auf die Edelmetallmärkte, insbesondere auf jene in Frankfurt an der Oder und in Leipzig, angewiesen. Im Falle der Leipziger Münzstätte entschied sich der preußische König Friedrich II. für die Verpachtung, eine weitere rechtliche Möglichkeit, den Betrieb einer Münzprägeanstalt zu organisieren. Der preußische König war auch ein Musterbeispiel für trickreiches Verhalten bei Münzknappheit: Man kippte und wippte, kopierte ausländische gute Münzen und prägte nachträglich die Zahlen der Jahre auf die Münze, in denen deren Kurswert noch höher war.
 
Die Vertreter merkantilistischer Wirtschaftstheorien erkannten in der Geldvermehrung und der Steigerung seiner Umlaufgeschwindigkeit Wohlfahrtswirkungen. Es war nur folgerichtig, dass sie deshalb vor einer Verringerung der Geldmenge warnten, das heißt, sie brandmarkten das Horten von Geld und verabscheuten »Sparstrümpfe«. Die Geldausgabe für konsumtive oder sonstige Zwecke knüpften sie jedoch an die Bedingung, dass das erworbene Gut der inländischen »Manufakturkraft« entstammte, um auf diese Weise speziell die Nachfrage nach inländischen Produkten zu erhöhen und damit die Produktion zu stärken.
 
Internationale Perspektive und staatswirtschaftlicher Charakter
 
Die Merkantilisten behandelten Fragen der Beschäftigung und des Geldumlaufs in engstem Zusammenhang mit der Außenwirtschaft. Während Vertreter des »Bullionismus« — der Begriff leitet sich vom englischen Wort bullion (Goldbarren) ab — jedoch davon ausgingen, ein Passivsaldo in der Handelsbilanz, das heißt das Überwiegen der Importe gegenüber den Exporten, sei in jedem Fall schädlich, sahen frühe Merkantilisten wie der Engländer Thomas Mun (1571—1641), dass trotz bilateraler passiver Saldi — beispielsweise bezog England mehr indische Produkte, als es selbst Waren nach Indien exportierte — die gesamte Handelsbilanz dennoch aktiv sein konnte. Dies war zum Beispiel dann der Fall, wenn England Rohstoffe importierte, sie im Land verarbeitete und als Fertigfabrikate wieder in andere Länder exportierte. Die Bullionisten erkannten indes zuerst die Bedeutung der Zahlungsbilanz, die systematisch alle Dienstleistungen und außenwirtschaftlichen Transaktionen eines Landes erfasste. Sie konnten die von anderen Merkantilisten gestellte Frage, wie sich zum Beispiel Dienstleistungen und Kapitaltransfers bilanziell niederschlagen, beantworten, indem sie auf die Zahlungsbilanz verwiesen.
 
Gemeinsam ist den merkantilistischen Wirtschaftspolitiken ihr staatswirtschaftlicher Charakter sowie der Versuch, gesamtwirtschaftlich zu bilanzieren. Die merkantilistische Politik eines bestimmten Landes maß sich sehr stark an der anderer europäischer Nationen. Dabei konzentrierten sich die Richtlinien für die praktische Ausgestaltung der Außenwirtschaftspolitik im Wesentlichen auf fünf Punkte: Zielte man darauf, die Einfuhr von Fertigwaren möglichst gering zu halten und deren Ausfuhr zu fördern, so verhielt man sich in Bezug auf Rohstoffe gerade entgegengesetzt; darüber hinaus übertrug man Dienstleistungsaufgaben an inländische Unternehmer und Institutionen. Zur unbedingten Sicherung dieser Maximen bediente man sich eines umfangreichen Instrumentariums tarifärer und nicht tarifärer Handelshemmnisse. Sie reichten von schlichten Verboten über scharf kontrollierte Schutzbestimmungen, Kontingentierungen, Subventionen, Privilegien, Monopolverleihungen bis zur Befürwortung des Handelskrieges.
 
Des Weiteren beschäftigte die Merkantilisten die Lohnpolitik. Ihre Forderung nach einem niedrigen Lohnniveau im Inland begründeten sie damit, dass nur so die Wettbewerbsfähigkeit der Exportgüter auf den internationalen Märkten gesichert werden könne. Bei der Beantwortung der Frage, wie dieses erreicht werden könnte, führte sie ihre Einsicht in ökonomische Zusammenhänge zu dem Schluss, dass ein hohes Angebot an Arbeitskräften Druck auf die Löhne ausübte. Außerdem hielten sie die Steigerung der inländischen Nachfrage für wesentlich. In diesem Rahmen kam einer systematischen staatlichen Bevölkerungspolitik eine beträchtliche Bedeutung zu, weswegen sie Instrumentarien, um das Bevölkerungswachstum zu sichern, entwickelten. So erschwerten oder verhinderten sie zum Beispiel Auswanderung oder lenkten die räumliche Mobilität dadurch, dass sie etwa die Migration ohne behördliche Erlaubnis verboten. Darüber hinaus warben sie systematisch Immigranten an, zum Beispiel dadurch, dass sie materielle Hilfen — Grund und Boden, Handwerkszeug, Startkapital — boten oder sich durch religiöse Toleranz — zum Beispiel gegenüber Hugenotten und Juden — auszeichneten. Schließlich förderten sie Eheschließungen, schafften den durch die vielen kirchlichen Feiertage und den Blauen Montag der Handwerksgesellen bedingten »Müßiggang« ab, gründeten Arbeitshäuser und bauten das Bildungswesen aus.
 
Prof. Dr. Rolf Walter
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Gewerbefreiheit statt Zunftzwang: Die Schranken fallen
 
 
Burkhardt, Johannes: Frühe Neuzeit. 16.-18. Jahrhundert. Königstein im Taunus 1985.
 
Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, herausgegeben von Ilja Mieck. Stuttgart 1993.
 
Europäische Wirtschaftsgeschichte, herausgegeben von Carlo M. Cipolla. Band 2 und 3. Aus dem Englischen. Neuausgabe Stuttgart u. a. 1983-85.
 Kellenbenz, Hermann: Der Merkantilismus und die soziale Mobilität in Europa. Wiesbaden 1965.

Universal-Lexikon. 2012.

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